Deutschland nachhaltig - ein solidarisches Finanzierungskonzept
„Die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) ist ein globaler Plan zur Förderung nachhaltigen Friedens und Wohlstands und zum Schutz unseres Planeten.“ [1]
Die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten 17 Ziele der Agenda 2030 sind eine Richtschnur der Politik und richten sich an alle: Staaten, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und jede und jeden Einzelnen [2]:
(Foto: United Nations)
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Ziel 1: Armut in jeder Form und überall beenden
Ziel 2: Ernährung weltweit sichern
Ziel 3: Gesundheit und Wohlergehen
Ziel 4: Hochwertige Bildung weltweit
Ziel 5: Gleichstellung von Frauen und Männern
Ziel 6: Ausreichend Wasser in bester Qualität
Ziel 7: Bezahlbare und saubere Energie
Ziel 8: Nachhaltig wirtschaften als Chance für alle
Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur
Ziel 10: Weniger Ungleichheiten
Ziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden
Ziel 12: Nachhaltig produzieren und konsumieren
Ziel 13: Weltweit Klimaschutz umsetzen
Ziel 14: Leben unter Wasser schützen
Ziel 15: Leben an Land
Ziel 16: Starke und transparente Institutionen fördern
Ziel 17: Globale Partnerschaft
Die Agenda ist ein Fahrplan für die Zukunft, mit dem weltweit ein menschenwürdiges Leben ermöglicht und dabei gleichsam die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft bewahrt werden. [2]
Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie
Mit der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie [3] hat die Bundesregierung konkret dargelegt, wie diese 17 SDGs umgesetzt werden. Dabei wurden sowohl die Transformationsbereiche
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• Menschliches Wohlbefinden und Fähigkeiten, soziale Gerechtigkeit
• Energiewende und Klimaschutz
• Kreislaufwirtschaft
• Nachhaltiges Bauen und nachhaltige Mobilität
• Nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme
• Schadstofffreie Umwelt
• Internationale Verantwortung und Zusammenarbeit [4]
als auch die Schlüsselfaktoren für die Nachhaltigkeitsziele mit ihren zentralen Maßnahmen festgelegt [5]:
Transformationsbereiche, Off-track-Indikatoren (Stand 2024) und Maßnahmen
Eine historische Aufgabe
Die Bundesregierung und die deutsche Gesellschaft sind aktuell mit mehreren Herausforderungen und Krisen konfrontiert (militärische Konflikte, Klimawandel, Sicherung der sozialen Sicherungssysteme, soziale Ungleichheit, Gefährdung des demokratischen Systems), die den Bundeshaushalt so stark belasten, dass die notwendige zeitnahe gesellschaftliche Transformationsleistung (Investitionen) zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele aus Haushaltsmitteln oder einer weiteren Kreditaufnahme nicht zu finanzieren ist. Dennoch ist diese Transformation die wichtigste Aufgabe unserer Zeit.
Für die Entwicklung eines Lösungsansatzes gilt es zunächst festzustellen, welche wesentlichen Leistungen im Rahmen einer nachhaltigen Transformation zu erbringen sind und welche Zusatzkosten (Kosten ohne Ersatzinvestitionen) damit verbunden sind:
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• die Durchführung einer energetischen Gebäudesanierung
• die Gestaltung einer nachhaltigen Landnutzung
• die Umstellung auf ein klimaneutrales Verkehrssystem
• die Umstellung auf eine klimaneutrale Stromerzeugung
• die Umstellung auf eine klimaneutrale Wärmeversorgung
• die Transformation zu emissionsarmen Produktionsprozessen in der Industrie
Die Größenordnung der Kosten für diese Maßnahmen lässt sich anhand der Studienlage wie folgt abschätzen [Mrd. €]:
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Gebäudesanierung:
private Nichtwohngebäude: 200 [7]
öffentliche Gebäude: 120 [8]
Nachhaltige Landnutzung:
Landwirtschaft: 220 [9]
Klimaanpassung der Forstwirtschaft: 12 [10]
Aufforstung: 50 [11]
Wiedervernässung der Moore: 12 [12]
Waldumbau: 40 [13]
Klimaneutrales Verkehrssystem:
Ausbau des ÖPNV: 92 [14]
Ladeinfrastruktur: 100 [15]
klimaneutrale Stromversorgung: 651 [16]
Klimaneutrale Wärmeversorgung: 430 [17]
Industrietransformation: 52 [18]
Die Gesamtsumme beläuft sich damit auf € 3.479 Mrd. Es stellt sich natürlich die Frage, wie sich Kosten in einer derartigen Höhe gesellschaftlich finanzieren lassen. Dazu gibt es bereits ein historisches Vorbild für Deutschland.
Das historische Vorbild
Basierend auf Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland („Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“) [19] wurde im Rahmen des Lastenausgleichsgesetzes (LAG) vom 14.08.1952 - in Kraft seit 01.09.1952 - eine Vermögensabgabe erhoben, um die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu mildern, indem ein partieller Ausgleich zwischen Kriegs- und Nachkriegsgeschädigten einerseits und denjenigen, die Vermögen hatten behalten können andererseits, herbeigeführt werden sollte. Bemessungsgrundlage war das Vermögen zum 21.06.1948. Abgabepflichtig waren grundsätzlich alle natürlichen und juristischen Personen, die zu Beginn des Stichtages (21.06.1948) Eigentümer von abgabepflichtigen Vermögen waren. Das abgabepflichtige Vermögen wurde durch den Abzug eines Freibetrages bzw. einer Familienermäßigung festgestellt. Die Abgabeschuld betrug 50 % des abgabepflichtigen Vermögens und war in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren zu tilgen und zu verzinsen. [20] „Der Lastenausgleich ist ein staatliches System zur Verteilung außergewöhnlicher Vermögenslasten auf die Allgemeinheit. Im historischen Kontext bezeichnet er die nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführte, umfangreiche Ausgleichsordnung für Kriegs- und Vertreibungsschäden.“ [21] „Der Lastenausgleich diente in der Nachkriegszeit der Entschädigung und vor allem der Eingliederung der Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge sowie Kriegsgeschädigten (hier insbesondere der Bombenopfer), die im Gebiet der früheren Bundesrepublik Deutschland lebten. ... Der Lastenausgleich wurde teils durch die Lastenausgleichsabgabe finanziert, die von kriegsverschonten Vermögen erhoben wurde, teils aus Steuermitteln.“ [22]
Das Lastenausgleichsgesetz trat am 1. September 1952 in Kraft. „Er bestand aus einem Finanzierungs- und aus einem Ausgabenteil. Die Finanzierungsseite des Lastenausgleichs wurde von den Finanzämtern durchgeführt. Die Leistungen wurden von den Ausgleichsämtern ausgezahlt. Zur Finanzierung des Lastenausgleichs wurden Ausgleichsabgaben eingeführt: die Vermögensabgabe, die Hypothekengewinnabgabe und die Kreditgewinnabgabe. Mit ihnen wurde 1/3 der gesamten Ausgaben finanziert (53 Mrd. DM von 145 Mrd. DM). [23] Für das Haushaltsjahr 1952 ergab sich ein Gesamtbudget von etwa 23,2 Milliarden DM.“ [24] Die damalige Gesamtlast von 145 Mrd. DM war also das 6,3fache des Bundeshaushaltes von 1952. Bezogen auf den Bundeshaushalt 2026 [25] in Höhe von 520 Mrd. € wäre das eine heutige Finanzierung einer gesellschaftlichen Gesamtlast in Höhe von 3,25 Bio. € durch eine vergleichbare solidarische Leistung.
Für die Transformation in eine nachhaltige Gesellschaft ist also ein vergleichbarer Kraftakt notwendig, wie er in der Nachkriegszeit erforderlich war. Sicherlich eine große Herausforderung, aber machbar.
Ein solidarischer Finanzierungsansatz
Deutschland nachhaltig zu machen erfordert die Solidarität aller. Jeder ist aufgefordert dazu beizutragen: durch sein Tun, durch seine finanziellen Möglichkeiten. Die nachfolgende beispielhafte Überschlagsrechnung zeigt ein großes finanzielles Potential in der Gesellschaft auf. Wichtig: Es soll nicht das Vermögen belastet, sondern der Vermögenszuwachs über einen festgelegten Zeitraum (hier 25 Jahre) etwas geringer werden.
Das Immobilienvermögen in Deutschland betrug 2022 ca. € 12.100 Mrd.. [26] Aktuell erwirtschaften Immobilien in Deutschland eine durchschnittliche Netto-Rendite zwischen 2,5 und 3,5 %. [27] Setzt man im Rahmen eines Lastenausgleichs eine jährliche Abgabe von 0,6 % auf den Immobilienwert an, ergibt sich über 25 Jahre ein Beitrag von € 1.815 Mrd. Im Lastenausgleichsgesetz von 1952 wurde ein Gesamtbeitrag von 50 % (Dauer 30 Jahre) festgelegt, hier wären es über eine Dauer von 25 Jahren insgesamt nur 15 %.
Das Grundstücksvermögen belief sich auf ca. € 7.300 Mrd. im Jahr 2022 in Deutschland. [28] Sowohl der Landpreisindex als auch der Bodenrichtwert haben sich seit dem Jahr 2000 – unter Schwankungen – mehr als verdoppelt. [29, 30] Setzt man bei dem Grundstücksvermögen einen Gesamtanteil von 10 % (jährlich 0,4 % 25 Jahre lang) an ergäbe dies einen Finanzierungsbeitrag von € 730 Mrd. der Transformationskosten.
Das Gesamtvolumen an Erbschaften und Schenkungen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2021 auf etwa € 300–400 Milliarden pro Jahr geschätzt. Geht man von nur € 300 Mrd. (die Vermögen sind seitdem deutlich gestiegen) jährlich aus und setzt eine Abgabe von 8 % an, ergibt sich über 25 Jahre ein Gesamtbeitrag in Höhe von € 600 Mrd..
Das Netto-Finanzvermögen der deutschen Haushalte betrug € 6,85 Bio. zum September 2025. [29] Die Deutsche Bundesbank berichtet regelmäßig über die reale (inflationsbereinigte) Gesamtrendite des Finanzvermögens privater Haushalte. Sie liegt in der Regel zwischen 1 und 2 % im Jahr. Im zweiten Quartal 2025 lag die reale Gesamtrendite z. B. bei 1,4 %. [30] Würden 0,2 % des Finanzvermögens pro Jahr in einen Lastenausgleich fließen, ergäbe dies über den Zeitraum von 25 Jahren einen Finanzierungsanteil in Höhe von € 343 Mrd.
Diese beispielhafte Abschätzung mit einer gesamten Abgabenhöhe von € 3.488 Mrd. zeigt, dass sich allein aus Vermögensrenditen und Erbschafts-/Schenkungsanteilen die Transformation in eine nachhaltige Gesellschaft solidarisch finanzieren ließe, wenn man dem historischen Beispiel des Lastenausgleichsgesetzes von 1952 folgt. Dabei könnten die Abgabenanteile auch vermögensorientiert sozial gestaffelt werden.
Mit den gezahlten Abgaben könnten Anreiz-/Förderprogramme finanziert werden. Investieren Unternehmen oder Privatleute direkt in Maßnahmen der Transformation (z. B. eine Gebäudedämmung), so sollten diese Kosten einer Abgabenzahlung gegengerechnet werden.
Grundsätzlich führen z. B. Maßnahmen, die zu einem geringeren Energieverbrauch führen oder fossile Brennstoffe ersetzen, auch zu langfristigen volkswirtschaftlichen Kosteneinsparungen.
Die zukünftige Wirtschaftsstrategie
Dieser Finanzierungsansatz ist zugleich eine dringend erforderliche politische Strategie für die deutsche Wirtschaft. Eine auf diese Weise finanzierte Transformation würde als ein Konjunkturpaket wirken, das zu höheren Steuereinnahmen führt. Für den Bundeshaushalt ergäben sich zusätzlich Einsparungen dadurch, dass Förderprogramme für nachhaltige Maßnahmen nicht mehr aus Steuermitteln, sondern durch eine „Nachhaltigkeitsabgabe“ finanziert würden. Damit würde der Staat wieder insgesamt handlungsfähiger, um insbesondere die bevölkerungsnahen Probleme (Altersarmut, Rentensystem, Gesundheitskosten, Sanierung von öffentlichen Gebäuden u.v.m.) nachhaltig lösen zu können.
Quellenverzeichnis (abgerufen am 26.12.2025):
[1] https://unric.org/de/17ziele/[2] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/nachhaltigkeitsziele-erklaert-232174
[3] https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975228/2335292/3962877378d74837d4f4c611749b6172/2025-05-13-dns-2025-data.pdf?download=1
[4] https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975228/2335292/3962877378d74837d4f4c611749b6172/2025-05-13-dns-2025-data.pdf?download=1 Seite 30
[5] https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975228/2335292/3962877378d74837d4f4c611749b6172/2025-05-13-dns-2025-data.pdf?download=1 Seite 31
[6] http://www.allianz-trade.de/content/dam/onemarketing/aztrade/allianz-trade_de/presse/2025-07-08-allianz-trade-studie-real-estate-transition.pdf Seite 21
[7] Schätzung auf Basis von Nutzungsmustern; https://www.iwu.de/fileadmin/publikationen/gebaeudebestand/2022_IWU_Hoerner-EtAl_ENOBdataNWG-Schlussbericht-Primaerdatenerhebung-Nichtwohngebaeude-Deutschland.pdf
[8] https://www.dena.de/fileadmin/dena/Publikationen/PDFs/2024/STUDIE_Fit_fuer_2045.pdf Seite 5
[9] [https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Landwirtschaft/abschlussbericht-zukunftskommission-landwirtschaft.pdf?__blob=publicationFile&v=17 und https://www.dwm-aktuell.de/empfehlungen-kosten-11-mrd.-euro-jahr]
[10] https://www.agora-agrar.de/fileadmin/Projects/2024/2024-09_EU_Agriculture_forestry_and_food_in_a_climate_neutral_EU/AGR_343_Land-use-study_Zusammenfassung_DE_WEB.pdf Seite 13
[11] https://www.agora-agrar.de/fileadmin/Projects/2024/2024-09_EU_Agriculture_forestry_and_food_in_a_climate_neutral_EU/AGR_343_Land-use-study_Zusammenfassung_DE_WEB.pdf Seite 13
[12] https://www.agora-agrar.de/fileadmin/Projects/2024/2024-09_EU_Agriculture_forestry_and_food_in_a_climate_neutral_EU/AGR_343_Land-use-study_Zusammenfassung_DE_WEB.pdf Seite 13
[13] https://www.tab-beim-bundestag.de/projekte_naturgemaesser-waldumbau-in-zeiten-des-klimawandels.php#Anker5
[14] https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehrswende-busverkehr-verdoppeln-bahnverkehr?utm_source=chatgpt.com
[15] https://theicct.org/sites/default/files/publications/Funding_transition_ZEV_20191014.pdf Seite 18
[16] https://www.imk-boeckler.de/de/pressemitteilungen-15992-studie-berechnet-investitionsbedarf-in-deutsche-stromnetze-65371.htm
[17] https://www.mckinsey.de/news/presse/2025-09-08-energiewende-index---waermewende
[18] https://www.allianz-trade.de/presse/pressemitteilungen/allianz-trade-studie-deutsche-industrie-mit-investitionen-in-hoehe-von-52-mrd-euro-bis-2050-klimaneutral.html
[19] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_14.html
[20] https://www.bundestag.de/resource/blob/412596/3731fe4b1e9b4ffd808a264e7436ede8/WD-4-176-08-pdf-data.pdf
[21] https://www.mtrlegal.com/wiki/lastenausgleich/
[22] https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Glossareintraege/L/lastenausgleich.html?view=renderHelp
[23] https://www.bundesarchiv.de/assets/bundesarchiv/de/Downloads/Vortraege/lastenausgleich-vortrag-bartels-2019.pdf
[24] https://dserver.bundestag.de/btp/01/01238.pdf Seite 4
[25] https://www.bundeshaushalt.de/DE/Bundeshaushalt-digital/bundeshaushalt-digital.html
[26] https://zia-deutschland.de/project/bedeutung-der-immobilienbranche
[27] https://investropa.com/blogs/news/germany-property-returns-low
[28] https://zia-deutschland.de/project/bedeutung-der-immobilienbranche
[29] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/199842/umfrage/preisentwicklung-fuer-bauland-nach-bundeslaendern
[30] https://www.bodenrichtwerte-deutschland.de/bodenrichtwert/mv/besitz?
[31] https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/geldvermoegensbildung-und-aussenfinanzierung-in-deutschland-im-zweiten-quartal-2025-968558
