Xenia Brand, Klimareferentin der AbL: Landnutzung und Klimawandel - Was bringt die Erklärung der Regierungschefs?

Datum: 17.01.2022

miterago im Gespräch mit Xenia Brand, Klimareferntin der AbL

miterago: Frau Brand, Sie sind Klimareferentin bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, kurz AbL. Was ist die AbL, die als Verein organisiert ist, für eine Gemeinschaft?

Xenia Brand: In der AbL haben sich Bäuerinnen und Bauern aus ganz Deutschland zusammengeschlossen, die sich gemeinsam für eine zukunftsfähige, sozial- und umweltgerechte Landwirtschaft und die dafür notwendigen politischen Rahmenbedingungen einsetzten. Und das unabhängig davon, ob sie konventionell oder ökologisch wirtschaften. Zu unseren Mitgliedern zählen außerdem Menschen anderer Berufsgruppen, die sich für den Erhalt einer bäuerlichen Landwirtschft einsetzten. Unsere Grundhaltung ist: Die Gesellschaft wie auch die Bäuerinnen und Bauern wollen Tierschutz, Klimaschutz, den Erhalt der Artenvielfalt, usw. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden - und auch sowieso - braucht es faire Preise für die Produkte und politische Rahmenbedingungen, welche wirtschaftliche Perspektiven für die Höfe bieten.

miterago: Welche Aufgaben übernehmen Sie dabei als Klimareferentin?

Xenia Brand: Hinsichtlich Klimaschutz setzen wir uns dafür ein, dass die Landwirtschaft natürlich ihre Emissionen reduzieren muss. Das betrifft beispielsweise die Emissionen aus der Tierhaltung, aber auch von Düngung oder Ackerbau. Hier setzen wir uns politisch dafür ein, dass solche Klimaschutzleistungen durch öffentliche Gelder, z.B. durch die Gelder der Gemeinsamen europäischen Agrarpolitik (GAP), honoriert werden. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft weltweit, aber auch in Deutschland, bereits jetzt massiv von den Folgen der Klimakrise getroffen. Es braucht also auch funktionierende Anpassungsstrategien, damit wir auch in Zukunft noch ernten können! Das haben in Deutschland die drei Dürrejahre 2018 bis 2020, aber auch das Jahr 2021 mit all seinen unvorhersehbaren Wetterkapriolen gezeigt. Für all diese Themen organisieren wir Austauschformate, wo Bäuerinnen und Bauern ihre Erfahrungen, Wissen und Strategien teilen können. Denn es gibt so gute Ideen, die in der Praxis bereits ausprobiert werden, die will ich unbedingt verbreiten. Wichtig ist mir aber auch der Austausch und gemeinsame Aktionen mit anderen Gruppen und Verbänden aus der Landwirtschaft und aus der Klimaszene. So ist für uns klar: Beim Klimastreik von Fridays For Future sind wir dabei!

miterago: Blicken wir auf die Klimakonferenz in Glasgow. Bereits am zweiten Tag, dem 2.11.2021 wurde die „Glasgow Leaders’ Declaration on Forests and Land Use“, die Glasgower Erklärung der Staats- und Regierungschefs zu Wäldern und Landnutzung bekannt gegeben (deutsche Übersetzung siehe unten). 141 Staaten unterstützen diese Erklärung. Die Rollen der Wälder und die einer nachhaltigen Landnutzung werden hier allgemein hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Klima formuliert und die Berücksichtigung von indigenen Gruppen und Kleinbauern findet Erwähnung. Welches Gewicht hat dieser Text aus Sicht der AbL?

Xenia Brand: Soweit ich die Erklärung verstehe, steht da nichts drin, was nicht schon seit vielen Jahren erklärte Ziele sind. Statt ständig Ziele zu bekräftigen, wären Taten angebracht! Die Entwaldung zugunsten von Soja- oder Palmöl-Anbau ist sowohl aus Klimaschutz-Gründen, aber auch wegen der Vertreibung der Menschen vor Ort, unbedingt zu stoppen. Wenn Treiber der Entwaldung wie Brasiliens Präsident Bolsonaro diese unterzeichnen stellt sich die Frage, wie ambitioniert sie ist und in wieweit sie tatsächlich umgesetzt wird.

miterago: Lassen sich aus der Erklärung, die sowohl von der europäischen Kommission als auch von Deutschland unterzeichnet wurde, Forderungen hinsichtlich der Umsetzung an die europäische und deutsche Landwirtschaftspolitik ableiten? Wie müssen diese aussehen?

Xenia Brand: Bezüglich von Sojaimporten fordern wir schon lange, dass verbindliche Kriterien für den Import erstellt und eingehalten werden müssen. Diese betreffen dann soziale, kulturelle, ökologische und ökonomische Fragen und lauten: keine mit dem Produkt einhergehende Entwaldung und keine Gentechnik, keine Vertreibung der Menschen vor Ort, usw.. Diese Kriterien sind jeweils auf die Gegebenheiten der Länder mit Agrarexportinteresse zuzuschneiden und in Konsultation mit gesellschaftlichen und bäuerlichen Organisationen zu entwickeln. Wir fordern, dass die Exporteure verpflichtet werden müssen, diese Qualitäten einzuhalten und entsprechend kennzeichnen. Werden diese Kriterien nicht eingehalten, sollte die EU entweder die Importe ablehnen oder eine Abgabe darauf erheben. Diese Abgabe speist einen Fonds, aus dem in den jeweiligen Ländern entsprechende Projekte zur Qualifizierung der landwirtschaftlichen Erzeugung finanziert werden.

miterago: Wie setzen die in der AbL Organisierten bisher schon eine klimafreundliche und enkeltaugliche Landwirtschaft um? Wo sind noch die größten Herausforderungen?

Xenia Brand: Die Bäuerinnen und Bauern der AbL wirtschaften in der Regel auf kleineren bis mittleren Betrieben, sie legen viel Wert auf regionale Futtermittel statt Gentechnik-Soja aus Übersee, viele halten ihre Kühe auf der Weide und haben nur so viele Tiere, wie es zur verfügbaren Futterfläche passt. All das sind wichtige Beiträge zum Klimaschutz. Gleichzeitig setzten viele der Bäuerinnen und Bauern aus der AbL auch auf weite und vielfältige Fruchtfolgen. So kann Humus aufgebaut werden und zudem wird das Risiko von Ernteverlusten breiter gestreut, wenn z.B. wegen Trockenheit nur eine von sechs, statt eine von nur zwei oder drei Feldkulturen ausfällt. Die Folgen der Klimakrise stellen alle Höfe vor neue Herausforderungen und das in einer Situation, in der viele Höfe aus wirtschaftlichen Gründen eh schon mit dem Rücken an der Wand stehen. Hier braucht es politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die die Betriebe in der Transformation mitnehmen.

miterago: Was kann der/die Einzelne tun, hier zu unterstützen und mitzuwirken?

Xenia Brand: Wir alle müssen als Konsument:innen unser Verhalten ändern, hin zu weniger tierischen Produkten, welche dafür aber aus guter Tierhaltung kommen und den Bäuerinnen und Bauern faire Preise bringen. Und: Wer direkt bei Bäuerinnen und Bauern auf dem Hof einkauft, kann sich selbst davon ein Bild machen, wie die Nahrungsmittel erzeugt werden und trägt aktiv dazu bei, dass das Geld auch auf den Höfen ankommt. Gleichzeitig hat die Politik mit der Gestaltung der Rahmenbedingungen natürlich ebenfalls einen sehr großen Hebel, wie die Zukunft der Landwirtschaft gestaltet wird. Es gilt also, mit der Gesellschaft zusammen Forderungen an die Politik zu stellen, denn die notwendigen Änderungen in der Landwirtschaft gehen nur gemeinsam mit der Gesellschaft.

miterago: Frau Brand, vielen Dank für diese Informationen und Einblicke.

Xenia Brand: Ich danke für das Gespräch!

Übersetzung:

Erklärung der Staats- und Regierungschefs von Glasgow zu Wäldern und Landnutzung
Wir, die Staats- und Regierungschefs der nachstehend genannten Länder:
betonen die ausschlaggebenden und miteinander verflochtenen Rollen der Wälder aller Arten, der biologischen Vielfalt und der nachhaltigen Landnutzung bei der Verwirklichung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, bei der Herstellung eines Gleichgewichts zwischen den anthropogenen Treibhausgasemissionen und dem Abbau durch Senken, bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der Erhaltung anderer Ökosystemleistungen.

Wir bekräftigen unsere jeweiligen kollektiven und individuellen Verpflichtungen gegenüber dem Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen und dem Übereinkommen von Paris, dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt, dem Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung, den Zielen für nachhaltige Entwicklung und anderen einschlägigen Initiativen.

Wir bekräftigen unser jeweiliges Engagement für eine nachhaltige Landnutzung sowie für die Erhaltung, den Schutz, die nachhaltige Bewirtschaftung und die Wiederherstellung von Wäldern und anderen terrestrischen Ökosystemen.

Wir erkennen an, dass die Verwirklichung unserer Ziele in den Bereichen Landnutzung, Klima, biologische Vielfalt und nachhaltige Entwicklung sowohl auf globaler als auch auf nationaler Ebene weitere transformative Maßnahmen in den miteinander verknüpften Bereichen nachhaltige Produktion und nachhaltiger Verbrauch, Infrastrukturentwicklung, Handel, Finanzen und Investitionen sowie Unterstützung für Kleinbauern, indigene Völker und lokale Gemeinschaften, die für ihren Lebensunterhalt auf die Wälder angewiesen sind und bei deren Bewirtschaftung eine Schlüsselrolle spielen, erfordern wird.

Wir heben die Bereiche hervor, in denen in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt wurden, und die Möglichkeiten, die sich uns bieten, um die Maßnahmen zu beschleunigen. Wir verpflichten uns daher, gemeinsam daran zu arbeiten, den Waldverlust und die Bodendegradation bis 2030 zu stoppen und umzukehren und gleichzeitig eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen und eine integrative Transformation des ländlichen Raums zu fördern.

Wir werden unsere gemeinsamen Anstrengungen verstärken, um:
1. Wälder und andere terrestrische Ökosysteme zu erhalten und ihre Wiederherstellung zu beschleunigen;
2. eine Handels- und Entwicklungspolitik zu fördern auf internationaler und nationaler Ebene, die eine nachhaltige Entwicklung sowie eine nachhaltige Rohstoffproduktion und einen nachhaltigen Rohstoffverbrauch ermöglicht, zum beiderseitigen Nutzen der Länder wirkt und die Entwaldung und Bodendegradation nicht vorantreibt;
3. die Anfälligkeit zu verringern, Widerstandsfähigkeit aufzubauen und die Lebensgrundlagen im ländlichen Raum zu verbessern, u. a. durch die Stärkung der Gemeinschaften, die Entwicklung einer rentablen, nachhaltigen Landwirtschaft und die Anerkennung der vielfältigen Werte der Wälder, wobei die Rechte der indigenen Völker sowie der lokalen Gemeinschaften im Einklang mit den einschlägigen nationalen Rechtsvorschriften und internationalen Instrumenten anerkannt werden;
4. eine erforderlichenfalls Neugestaltung der Agrarpolitik und -programme umzusetzen, um Anreize für eine nachhaltige Landwirtschaft zu schaffen, die Ernährungssicherheit zu fördern und die Umwelt zu schonen;
5. eine Bekräftigung der internationalen finanziellen Zusagen herbeizuführen und deutliche Aufstockung der Finanzmittel und Investitionen aus einer Vielzahl öffentlicher und privater Quellen bei gleichzeitiger Verbesserung ihrer Wirksamkeit und Zugänglichkeit, um eine nachhaltige Landwirtschaft, eine nachhaltige Waldbewirtschaftung, die Erhaltung und Wiederherstellung der Wälder sowie die Unterstützung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften zu ermöglichen;
6. die Anpassung der Finanzströme an die internationalen Ziele zur Umkehrung des Waldverlustes und der Waldschädigung zu erleichtern , wobei gleichzeitig sichergestellt werden muss, dass robuste Strategien und Systeme vorhanden sind, um den Übergang zu einer Wirtschaft zu beschleunigen, die widerstandsfähig ist und die Ziele in den Bereichen Wald, nachhaltige Landnutzung, biologische Vielfalt und Klima fördert

Wir fordern alle Staats- und Regierungschefs auf, ihre Kräfte für eine nachhaltige Umstellung der Landnutzung zu bündeln. Dies ist von entscheidender Bedeutung, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, einschließlich der Verringerung der Anfälligkeit für die Auswirkungen des Klimawandels und der Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C sowie der Fortsetzung der Bemühungen um eine Begrenzung auf 1,5 °C. Wir weisen darauf hin, dass die Wissenschaft eine weitere Beschleunigung der Bemühungen als erforderlich aufzeigt, wenn wir gemeinsam 1,5 °C in Reichweite halten wollen. Gemeinsam kann es uns gelingen, den Klimawandel zu bekämpfen, für ein widerstandsfähiges und integratives Wachstum zu sorgen und den Waldverlust und die Landdegradierung aufzuhalten und umzukehren.

Liste der 141 Staaten
1. Albania
2. Andorra
3. Angola
4. Argentinien
5. Armenien
6. Australien
7. Österreich
8. Aserbaidschan
9. Bangladesch
10. Belgien
11. Belize
12. Bhutan
13. Bosnien und Herzegowina
14. Botswana
15. Brasilien
16. Brunei Darussalam
17. Bulgarien
18. Burkina Faso
19. Kamerun
20. Kanada
21. Zentralafrikanische Republik
22. Tschad
23. Chile
24. China
25. Kolumbien
26. Costa Rica
27. Elfenbeinküste
28. Kroatien
29. Cuba
30. Zypern
31. Tschechien
32. Dänemark
33. Dominikanische Republik
34. Demokratische Republik Kongo
35. Ecuador
36. El Salvador
37. Equatorial Guinea
38. Estland
39. eSwasiland
40. Europäische Kommission als Behelf für die Europäische Union
41. Fiji
42. Finnland
43. Frankreich
44. Gabun
45. Georgien
46. Deutschland
47. Ghana
48. Griechenland
49. Grenada
50. Guatemala
51. Guinea Bissau
52. Guyana
53. Haiti
54. Heiliger Stuhl
55. Honduras
56. Ungarn
57. Island
58. Indonesien
59. Irland
60. Israel
61. Italien
62. Jamaika
63. Japan
64. Kasachstan
65. Kenya
66. Kirgisien
67. Lettland
68. Libanon
69. Liberia
70. Liechtenstein
71. Litauen
72. Luxemburg
73. Madagascar
74. Malawi
75. Malaysia
76. Mali
77. Malta
78. Mauritius
79. Mexico
80. Moldawien
81. Monaco
82. Mongolei
83. Montenegro
84. Morocco
85. Mozambique
86. Nepal
87. Niederlande
88. Neuseeland
89. Nicaragua
90. Niger
91. Nigeria
92. Nord Mazedonien
93. Norwegen
94. Pakistan
95. Panama
96. Papua Neu Guinea
97. Paraguay
98. Peru
99. Philippinen
100. Polen
101. Portugal
102. Republik Kongo
103. Rumänien
104. Russland
105. Rwanda
106. Saint Lucia
107. Saint Vincent und Grenadinen
108. Samoa
109. San Marino
110. Sao Tome und Principe
111. Senegal
112. Serbien
113. Seychellen
114. Sierra Leone
115. Singapur
116. Slowakische Republik
117. Slowenien
118. Somalia
119. Südkorea
120. Spanien
121. Sri Lanka
122. Surinam
123. Schweden
124. Schweiz
125. Syrien
126. Tanzania
127. Togo
128. Tonga
129. Türkei
130. Turkmenistan
131. Uganda
132. Ukraine
133. Vereinigte Arabische Emirate
134. Großbritanien
135. Vereinigte Staaten von Amerika
136. Uruguay
137. Uzbekistan
138. Vanuatu
139. Vietnam
140. Zambia
141. Zimbabwe
(12. November 2021, 06:00 h)
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