Christian Weigand, Blue Awareness e.V.: Weltmeere – Sehnsuchtsort und Mülldeponie

Datum: 20.10.2020 11:00 Uhr

miterago im Gespräch mit Christian Weigand, Gründer des Vereins Blue Awareness e.V. und selbstständiger Speaker von Blue Awareness .

miterago: Hallo Herr Weigand, wenn man die Website von BLUE AWARENESS aufruft, spürt man Ihre Liebe zum Meer, aber auch die Angst um die Weltmeere. Woher kommt diese innige Beziehung?

Christian Weigand: Nach dem Abitur war ich als Backpacker in Australien. Dort habe ich das Surfen ausprobiert und war ab der ersten Welle verzaubert. Diese intensive Erfahrung in der Natur, das Verschmelzen mit dem Ozean, hat mich gepackt und bis heute nicht losgelassen. Wenn ich in den Wellen bin, erlebe ich magische Momente – von atemberaubenden Szenerien, über spannende Begegnungen mit den Meeresbewohner bis hin zu majestätischen Wellen, die mich auf ihren letzten Metern Richtung Land aufspringen lassen. Das Gefühl hat nie wieder nachgelassen. Ganz im Gegenteil: Jeder Trip macht diese Beziehung noch inniger.

miterago: Seit mehr als 50 Jahren dienen die Weltmeere als Mülldeponie: von Atommüllfässern, die bedenkenlos versenkt wurden, über die Dünnsäureverklappung in der Nordsee, der kriminellen Versenkung von Giftmüllschiffen in der Adria, der weltweiten Einleitung von industriellen Abfällen über Flussläufe bis hin zur tickenden Zeitbombe der Weltkriegsmunition in Nord- und Ostsee. Haben wir die falsche Einstellung zu diesem Lebensraum?

Christian Weigand: Wir haben definitiv die falsche Einstellung, und das begrenzt sich nicht nur auf den Lebensraum Wasser. Die genannten Beispiele sind größtenteils Verbrechen einzelner Entscheidungsträger. Aber ebenso tragen wir alle mit unseren alltäglichen Handlungen zur Vermüllung der Meere bei. Das muss sich ändern.Wenn wir die Meere schützen wollen, müssen wir vor allem auch die Menschen erreichen, die bisher noch keine Motivation haben sich mit diesen Themen auseinander zu setzen und etwas an ihrem Verhalten zu verändern. Augenöffner können zum Beispiel (Aufräum-) Aktionen im öffentlichen Raum sein. Oder Vorträge an Schulen und Unternehmen, bei denen ein Querschnitt der Gesellschaft erreicht wird, statt nur diejenigen, die sich in ihrer freien Zeit sowieso gerne damit auseinandersetzen.

miterago: Seit einigen Jahren gibt es mediale Aufmerksamkeit für das im Meer vorhandene Plastik und den immer noch andauernden Eintrag insbesondere über Flussläufe. Und dem an Stränden spazieren gehenden Urlaubern und Bürgern fällt der permanent angeschwemmte Plastikmüll auf. Wie können wir mit diesem sichtbaren Problem sinnvoll umgehen?

Christian Weigand: Wichtig ist es, hinzuschauen. Sich klar werden, dass es dieses Problem gibt. Vielleicht auch mal einen Beutel Müll einsammeln. Denn das entfernt Müll, der bereits in der Natur gelandet ist. Der größere Effekt ist jedoch das Bewusstsein, das man selbst bekommt und alle, die einen dabei beobachten. Denn wirklich entscheidend ist die Frage, woher das ganze Plastik eigentlich kommt. Es verfehlt das Ziel, wie verrückt aufzuräumen und gleichzeitig immer mehr Plastikmüll zu produzieren. Wenn die Badewanne überläuft, dann sollte ich als erstes den Hahn zudrehen, bevor ich mir Gedanken über das Aufwischen mache. Darum ist es so entscheidend, dass wir unseren Plastikkonsum stetig reduzieren, wenn wir dieses Problem wirklich lösen wollen.

miterago: Ist denn die Verarbeitung von „Meeresplastik“ mehr als nur „bluewashing“ von Produktherstellern?

Christian Weigand: Erst einmal ist es etwas Gutes, dass der Müll einen Wert bekommt, denn das motiviert dazu, ihn aufzusammeln. Außerdem kommen dadurch auch immer mehr Menschen mit der Problematik in Berührung. Andererseits werden viele Produkte aus Meeresplastik kritisiert: Der tatsächliche Anteil an Meeresplastik ist sehr gering, der Energieaufwand zur Reinigung und Weiterverarbeitung recht hoch, die Absichten der Firmen seien die falschen und sowieso erstellt man nur das nächste Plastikteil. Das Fazit zur Nutzung von Meeresplastik ist für mich nicht schwarz/weiß sondern ein Stück weit Glaubenssache. Meine größte Sorge ist es, dass der Eindruck entsteht, wir könnten so das Plastikproblem lösen oder es wäre beherrschbarer geworden. Denn das ist nicht der Fall.

miterago: Globale Initiativen wie zum Beispiel die „Plastik Bank“ oder „oneearth–oneocean“ bemühen sich, den Eintrag von Plastik zu verringern. Ist der Kampf gegen die Vermüllung der Meere dennoch ein aussichtsloser?

Christian Weigand: Aktuell sehe ich kein Szenario, in dem wir es schaffen, die Meere von dem Müll zu befreien, der sich bereits darin befindet. Dieser Kampf erscheint mir in der Tat aussichtslos. Weniger aussichtslos finde ich das Vorhaben den zukünftigen Eintrag von weiterem Müll zu reduzieren und letzten Endes zu stoppen. Wie dieses Ziel im Detail erreicht werden kann, weiß ich nicht. Doch „Ein Weg entsteht, wenn man Ihn geht“. Ich glaube jeder kann sich vorstellen, welche ersten Schritte in die richtige Richtung führen. Das Wichtigste ist, aktiv zu werden und etwas am eigenen Verhalten zu verändern.

miterago: Können Sie durch Ihre Arbeit sagen, dass dieses Umdenken Fahrt aufnimmt und immer mehr Menschen erreicht?

Christian Weigand: Als Speaker arbeite ich mit ganz unterschiedlichen Zuhörergruppen. Es gibt Vorträge an Schulen oder Unternehmen, wo ich mit einem bunt gemischten Publikum arbeite. Da sind auch viele dabei, für die Natur und Umwelt bisher keine große Rolle gespielt haben. Da kommt es häufig vor, dass sich Zuhörer nach Wochen melden und mir schreiben, dass Ihnen das Thema einfach nicht aus dem Kopf geht und sie nun aktiv geworden sind. Es gibt aber auch Vorträge für homogene Gruppen aus sehr umweltbewussten Menschen. Die waren schon vorher richtig aktiv. Und doch brauchen auch sie mal frischen Wind in den Segeln. Und manchmal auch eine Strategie, wie Sie ihr Feuer in Gang halten können, ohne dabei auszubrennen. Ihnen rate ich dasselbe wie allen, die sich zum ersten Mal überlegen, was sie nun tun können: Der nächste Schritt muss nicht riesig und es muss nicht „die perfekte Lösung“ sein. Hauptsache wir gehen diesen Weg. Schritt für Schritt. Wir sind die Akteure in dieser Geschichte, und ich möchte jedem zurufen: „Auf DICH kommt es jetzt an! Mit jeder DEINER Handlungen gestaltest DU die Zukunft dieses Planeten!“ Aktuell sind wir ein Teil des Problems. Sind wir bereit zum Teil der Lösung zu werden?

miterago: Herzlichen Dank für dieses Gespräch! Wir sind überzeugt, dass Sie mit Ihrer Arbeit und Liebe zum Meer weiterhin viele Menschen zum Umdenken bewegen können!

Christian Weigand: Ich bin dankbar für jede Chance, dieses Thema öffentlich zu diskutieren. Vielleicht erreicht es ja genau diejenige Person, die schon lange „etwas tun“ möchte, nur noch nicht so recht weiß, wie. Ich würde mich freuen, wenn diese Person jetzt denkt: „Es muss ja gar nichts Wildes sein, Hauptsache ich leg einfach mal los!“