„Gewissensberuhigung durch "Entwicklungshilfe" muss aufhören” – (B)energy arbeitet mit Geschäftspartnern auf Augenhöhe

Datum: 06.11.2020

miterago im Gespräch mit Katrin Pütz Gründerin und Geschäftsführerin von (B)energy.

miterago: In den meisten afrikanischen Staaten südlich der Sahara und in Südostasien sind Frauen dafür verantwortlich, ein, manchmal auch zwei heiße Essen täglich auf den Tisch zu bringen. Das bedeutet, dass dort Frauen zwei- oder dreimal in der Woche in den Wald gehen müssen, um Brennholz zu holen und mehr als 50kg Holz nach Hause zu bringen. Durch Abgase in Innenräumen sterben statistisch mehr Menschen als durch Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen. Die UNO sagt ungefähr 4 Millionen im Jahr. Frauen und Kinder sterben überproportional oft, da sie vorwiegend die Köche […] und die meiste Zeit in der Küche sind.“ Damit hat Dr. Linda Davies (Direktorin der Initiative wPOWER HUB) beim „Berlin Energy Transition Dialogue“ 2018 - der weltweit größten internationalen Energiewende-Konferenz, die jährlich vom Auswärtigen Amt durchgeführt wird - auf ein großes Problem in weiten Teilen der Welt hingewiesen. Frau Pütz, mit Ihrem socialbusiness (B)energy haben Sie eine Antwort auf dieses Problem:

Katrin Pütz: Wir haben eine Antwort darauf in der Biogastechnologie gefunden. Wer auf Brennholz oder Kohle zum Kochen angewiesen ist und organische Abfälle entsorgen muss, hat mit unserer Technologie für beides eine Lösung. Unsere Biogasanlagen lassen sich in kleinen Betrieben, Schulen, Restaurants, Haushalten oder auf Bauernhöfen einsetzen. In Zusammenarbeit mit der äthiopischen Universität Addis Abeba haben wir unsere Haushaltsbiogasanlagen optimiert. Deswegen sind alle Materialien und Ersatzteile auf dem Afrikanischen Kontinent erhältlich. Das gilt auch für unseren einzigartigen Biogasrucksack, den (B)pack. Der kissenförmige Ballon aus flexiblem Kunststoffgewebe dient der Lagerung und dem Transport des Biogases über kurze Distanzen.

miterago: 2020 stehen dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fast 11 Milliarden Euro zur Verfügung und im Jahr 2019 wurden in Deutschland laut der Studie „Bilanz des Helfens“ fast 4 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe gespendet. Es stehen also beträchtliche Summen zur zum Helfen auch in Entwicklungsländern zur Verfügung.

Katrin Pütz: Es ist wichtig zwischen Nothilfe und Entwicklungshilfe zu unterscheiden. Dürre, Krieg, Flüchtlingschaos, Naturkatastrophen oder Epidemien – all das kann katastrophale Folgen haben und dann ist es wichtig schnell humanitäre Hilfe zu leisten. Die kurzfristige Nothilfe ist ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, eine Notsituation zu lindern. In diesen Fällen ist gelebte Solidarität richtig, wichtig und etwas Großartiges! Entwicklungshilfe ist jedoch etwas völlig anderes. Wenn es um wirtschaftliche Entwicklung geht, dann muss es um wirtschaftliche Perspektiven in einem funktionierenden, fairen Markt gehen. Ein Beispiel: Lebensmittelhilfen sind während oder kurz nach unvorhersehbaren, außergewöhnlichen Dürren lebensnotwendig. Werden sie jedoch darüber hinaus parallel zum lokalen Anbau bzw. der bekannten klimabedingten Dürren bereitgestellt, so zerstört die „Hilfe“ bestehende lokaleStrukturen, Produzenten und Händler und deren Netze, die für die wirtschaftliche Entwicklung zweifellos notwendig wären.

„Die Dürre kommt immer wieder. Die Gemeinden hier hatten mal ihre eigenen Überlebensstrategien, aber die sind weitgehend verschwunden. Die Leute sagen: Warum soll ich überhaupt noch etwas anbauen, wenn es ohnehin Hilfslieferungen gibt?“ (Fatuma Abdulkadir Adan, Kenia)

Was hier kaum jemand mitbekommt: Die Menschen in Afrika fangen an sich gegen diese schlechte "Hilfe" zu wehren:

"The Right to Food, is not the right to be fed. It is the right to feed oneself in dignity."(ROUTE TO FOOD)

miterago: Und welche Rolle spielen dabei staatliche Strukturen in den betroffenen Ländern?

Katrin Pütz: In diesem paradoxen System entsteht oft ein Wettlauf um Hilfsgelder: Solange man Hilfsgelder bekommt - so das Kalkül einiger Machthaber- muss man sich weniger um die eigene Bevölkerung kümmern. So werden sogar Statistiken gefälscht, damit man weiterhin als eines der ärmsten Länder der Welt bewertet wird („least developedcountry“ ). Es ist ein Kreislauf, in dem nur wenige und zwar die Machteliten profitieren. In der ausgewiesenen Entwicklungshilfe sind solche Fehler öfter die Regel als die Ausnahme. Orte oder Länder aufgrund ihrer „rückschrittlichen Lage“ wie Notfälle zu behandeln, ist falsch. Es ist für viele Menschen schwer vorstellbar und offensichtlich noch schwerer zu akzeptieren, dass Geschenke mehr Probleme schaffen können, als sie zu lösen.

miterago: Dann sind also viele Milliarden gezahlte Entwicklungshilfe gar keine Hilfe, sondern verschärfen sogar die Probleme? Sind internationale Abkommen wie zum Beispiel die EPA-Abkommen (Economic Partnership Agreement - Wirtschaftspartnerschaftsabkommen) zum Beispiel als Teil der Agrarpolitik kontraproduktiv?

Katrin Pütz: Ob der Hähnchenmarkt in Kamerun, die Solarbranche in Nepal, oder eben der Biogassektor in Äthiopien, all dies sind Beispiele, in denen durch Interaktionen des Westens Marktpreise verzerrt bzw. die lokale und regionale Marktentwicklung verhindert werden. Das liegt aber nicht allein an Hilfsprojekten, sondern ebenso an dem von den Industrienationen etablierten globalen Handelssystem, das vorrangig den eigenen Interessen dient. Die europäische Agrarpolitik ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Entwicklungsprojekte, die durch kostenlose Produkte jegliche unabhängige Marktentwicklung im Keim ersticken, tragen zusätzlich zur Unterentwicklung bei. Jedes Projekt, mit dem z.B. Biogastechnik umsonst, oder mit westlichen Geldern subventioniert auf den Markt gebracht wird, macht lokale Unternehmen und auch zum Beispiel die Social Business Partner von (B)energy kaputt.

miterago: : Der Schlüssel für eine positive Entwicklung und Veränderung liegt also im Aufbau eines lokalen und regionalen Unternehmertums?

Katrin Pütz: Genau darauf setzen wir. Gemeinsam mit den (B)energy Partnern bauen wir eine Servicestruktur auf, die vor Ort für die Verfügbarkeit der (B)energy Produkte und eine verlässliche Instandhaltung der Anlagen beim Kunden sorgt. Wir etablieren Biogas als alternative Kochenergie und ermöglichen unseren Partnern eine eigene unternehmerische Umsetzung. Alle (B)energy Biogasunternehmer haben auf eigene Kosten an einem (B)energy Training teilgenommen. Sie haben in Know-how, in die Technik und in ein Vertriebssystem für Biogasanlagen vor Ort investiert und wollen weiter investieren, um zu expandieren. Sie kümmern sich darum, dass sich der Nutzen im Land herumspricht, dass Anlagen funktionieren und so neue Interessenten und Kunden anziehen. Sie sorgen für eine gute Reputation von Biogas und schaffen Vertrauen in die Technik und das Unternehmen. Sie bauen einen Markt für Biogas im Land auf, denn je mehr sich das Interesse an der Technik verbreitet, umso schneller wächst das Netz von Händlern und Installateuren, die sich um Vertrieb und Service kümmern. Und die Anzahl Menschen, die in die Technik investieren, wird sich weiter vergrößern können, da sie nicht von Fördermaßnahmen von außen anhängig sind. Aber wenn eine ähnliche oder sogar dieselbe Technik irgendwo in einem dieser Länder von ausländischen Organisationen subventioniert oder sogar umsonst angeboten wird, können diese unabhängigen lokalen Importeure, Installateure, Trainer und Promoter, d.h. die für die Entwicklung so wichtige Mittelschicht, dort nicht mehr existieren.

miterago: Geschenke sind also kein Segen, sondern ein schleichendes Gift?

Katrin Pütz: Laut Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sind alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen. Jemanden aufgrund seiner finanzarmen Situation wie einen unmündigen Bettler mit Geschenken zu behandeln signalisiert, dass ihm/ihr nicht zugetraut wird, die Situation selbst zu regeln. Das bezieht alle Schichten, auch Regierungen und Eliten, mit ein. Auf allen Ebenen reißt Entwicklungshilfe Verantwortung an sich, sät dadurch Unselbstständigkeit und erntet konsequenterweise immer weiter abnehmende Verantwortlichkeit der eigentlich Verantwortlichen, weil diese aufgrund der Behandlung ihre Würde verloren haben. Damit ist für mich Entwicklungshilfe ein Verstoß gegen das Menschenrecht #1. Bezogen auf Biogas bedeutet es folgendes: Auch wenn das Gratisprojekt noch so klein ist, niemand zahlt Geld für Anlagen oder Trainings, die es irgendwo auch ohne Geld zu haben gibt. Dies gilt auch für Gegenden, in denen es zu einem Zeitpunkt noch keinen privaten Biogassektor gibt. Ein Eingreifen von Hilfsorganisationen wird auch die zukünftige Entwicklung des Sektors dort verhindern (eine ausführlichere Beschreibung der Effekte ist hier zu finden.).

miterago: Was ist also zu tun?

Katrin Pütz: Unsere Antwort: Faires Business, bei dem man konsequent darauf achtet, dass man nicht an Marktverzerrungen beteiligt ist, langfristige Strukturen aufbaut, Verantwortungen auf die lokal Verantwortlichen überträgt bzw. bei ihnen belässt, Vertrauen schafft und angemessen, möglichst mit Geldern von vor Ort investiert. Beim Beispiel Biogasanlagen bedeutet das, dass man die Technik inkl. Service so anbietet, dass sie sich Menschen in Afrika leisten können, davon leben können, dass sie für die Verbreitung, Installation und Wartung der Anlagen sorgen und dabei eigenständig agieren und stolz daraus hervorgehen. Das schafft Arbeitsplätze und Wohlstand anstatt des so hinderlichen Gefühls, dass man es ohne westliche Hilfe nicht hinbekommt, denn das stimmt nicht. Umsetzen können das allerdings nur Leute vor Ort, die es aus eigener Kraft heraus schaffen und dazu bietet (B)energy das Partnership-Program an. Es ist auf indirekte Vertriebsstrukturen ausgelegt, in denen alle (B)energy-Partner auf unternehmerische Weise und ohne ausländische Hilfsgelder operieren. Die drei Partnerrollen sind sowohl für neue, als auch für bestehende Biogas-Unternehmer konzipiert. Jeder kann theoretisch einen Beitrag zur Verbesserung der Energiesituation beitragen, das Klima schützen und sich selbst ein besseres Leben ermöglichen.

miterago: Herzlichen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns dieses Grundproblem der bisherigen Entwicklungshilfe zu erläutern!

Katrin Pütz:Ich danke Ihnen herzlich für Ihr ehrliches Engagement und die Unterstützung im Kampf gegen diese als "Hilfe" getarnte Ungerechtigkeit.