Gesunde Kleidung – gesunde Menschen

Datum: 06.09.2020 09:00 Uhr

miterago im Gespräch mit Frau Sabine Schmidt, Gründerin des Labels Xaxiraxi – Kleidung für jede Haut.

miterago: Danke, Frau Schmidt, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen, um Besuchern unseres Nachhaltigkeitsportals Hinweise und Informationen zum Thema „Kleidung und Allergien” zu geben. Doch zunächst die Frage: Wie spricht sich der Name Ihres Labels aus und was verbirgt sich hinter dem Begriff „Xaxiraxi”?

S. Schmidt: Xaxiraxi „Tschaksiraksi” war die Göttin des Lichts der Ureinwohner der kanarischen Insel Teneriffa, auf der ich seit über 25 Jahren zu Hause bin. Das Licht und die kanarische Lebensfreude fließen auch in meine Kleidung ein.

miterago: Ihr Label, für das Sie auch den Begriff „Hautkleidung” erfunden haben, ist ja aus Ihrer persönlichen Betroffenheit entstanden, die Sie in Ihrem Buch „Nicht kratzen, waschen – Neurodermitis verstehen und heilen” beschreiben. Nun ist das Angebot an Textilien insgesamt riesengroß. Sollte da nicht für jeden und jede – auch mit empfindlicher Haut - das Passende zu finden sein?

S. Schmidt: Ja, das Angebot ist riesig, schier unüberschaubar. Aber es hat oft eins gemeinsam: Die meisten Textilien stammen aus Billiglohnländern mit niedrigen Arbeits- und Umweltstandards. Fast jede Kleidung enthält Chemikalien, die bei der Herstellung der Rohstoffe, der Fasergewinnung, der Weiterverarbeitung, Färbung, Veredlung, etc. eingesetzt werden. Und diese sind nicht kennzeichnungspflichtig. Nur das Nettogewicht der verwendeten Faser muss deklariert werden. Wenn auf dem Etikett 100% Baumwolle steht, können dies vom Gesamtgewicht des T-Shirts z.B. nur 80% Baumwollfaser sein. Und 20% sind Farbstoffe, Ausrüstung, Veredlungsstoffe und Restchemikalien aus der Herstellung.

Beim Tragen kommen diese Stoffe in Kontakt mit der Haut und können verstärkt durch Reibung und Schwitzen herausgelöst werden. Manche Chemikalien sind flüchtig, das heißt sie „verdunsten” quasi und werden an die Raumluft abgegeben. Dann müssen wir gar nicht direkt mit dem Kleidungsstück in Berührung kommen, um die Chemikalien aufzunehmen, wir atmen sie schon ein, wenn wir ein Geschäft betreten, wo die Textilien angeboten werden. Läden, wo es „nach Chemie riecht”, würde ich meiden.

miterago: Sie verwenden für ihre Kollektion GOTS-zertifizierte (Global Organic Textile Standard) Biobaumwolle, also einen Rohstoff, der ohne Pestizide, ohne die chemischen Mittel gegen Pflanzenkrankheiten und Beikraut angebaut wird. Wäre es nicht genauso möglich, die „normale” Baumwolle sehr oft zu waschen, bis diese Chemikalien alle entfernt sind?

S. Schmidt: Viel besser ist es doch, die Giftstoffe von Anfang an erst gar nicht im Stoff zu haben. Dann gelangen sie weder im Herkunftsland, noch hier beim Waschen in die Umwelt. Dasselbe gilt für den gesamten Herstellungsprozess. Wenn ich Kleidung anbiete, die die Menschen gesund hält, dann sollen auch die Menschen, die sie herstellen, gesund bleiben. Nebenbei: wie oft sollte da wohl gewaschen werden? Dann müssten noch aufwendige Analysen folgen, um möglichst nichts zu finden. Das wäre der falsche Ansatz für neue Kleidung.

miterago: Ja, das leuchtet ein: Was für ein Aufwand, vom Wasserverbrauch und Energieaufwand ganz zu schweigen! Zum Thema Wasserverbrauch: Baumwolle braucht beim Anbau bis zur Erntereife sehr viel Wasser im Vergleich zu Holz, Hanf oder Leinen und wird deshalb als Faserrohstoff auch kritisiert. Haben Sie auch einmal erwogen, Fasern aus anderen Rohstoffen für Hautkleidung zu verwenden? Die Transportwege wären eventuell auch kürzer.

S. Schmidt: Darüber habe ich nachgedacht, bin dann aber bei der Baumwolle geblieben, und zwar aus den folgenden Gründen: Hanf und Leinen haben im Gegensatz zu Baumwolle keine wärmenden Eigenschaften, weshalb Leinen z.B. im Wesentlichen nur für Sommerkleidung Verwendung findet. Hanf ist außerdem sehr grob, Leinfasern sind zwar viel glatter, aber auch nicht so weich wie Baumwolle. Für Fasern aus Holz wie Lyocell, manchen vielleicht auch bekannt als Tencel, wird Cellulose-Zellstoff zerkleinert, gelöst und anschließend ausgefällt. Dies kann mit der Chemikalie N-Methylmorpholin-N-Oxid (NMNO) im geschlossenen Kreislauf erfolgen. Das Mittel kann eine Reizung der Atmungsorgane verursachen, es ist zwar nicht toxisch, aber dennoch augen- und hautreizend! Nein, für empfindliche Haut ist Baumwolle, und zwar zertifizierte Biobaumwolle am besten geeignet.

miterago: Biobaumwolle mit Siegel also. Bei Obst oder Gemüse sind die Siegel inzwischen europaweit geregelt und den meisten geläufig. Aber was bedeuten Bio-Siegel für Textilien? Können Sie uns da einen Einblick geben, was sich hinter Textilsiegeln verbirgt?

S. Schmidt: Es gibt zahlreiche Siegel für Textilien, selbst Experten fällt es da schwer, den Überblick zu behalten.

Das sicher bekannteste Siegel ist von der Marke Öko-Tex „Textiles Vertrauen”. Mit „Öko” im Sinne von ökologischem Landbau hat dies aber nichts zu tun. Denn es wird nur zertifiziert, dass im Endprodukt keine kritischen Stoffe enthalten sind oder gewisse Grenzwerte nicht überschreiten. Im Produktionsprozess können sie jedoch eingesetzt werden und bei sensiblen Menschen zu allergischen Reaktionen führen.

Ich verwende Baumwolle, die nach dem Global Organic Textile Standard (GOTS) zertifiziert ist, dem im Bereich biologisch erzeugter Fasern weltweit führendem Standard. Bei der Zertifizierug werden neben Umweltstandards auch die Einhaltung sozialer Kriterien wie die Zahlung eines Mindestlohns, das Verbot von Kinderarbeit und das Recht zur Bildung von Gewerkschaften berücksichtigt.

Menschen, die nachhaltig und verantwortungsbewusst leben, sollten deshalb beim Verkauf von textilen Produkten auf das GOTS-Siegel achtet.

miterago: Beim Einkauf achte ich also auf diese Siegel für Biobaumwolle. Was kann ich außerdem tun, um nicht nur mich gesund zu kleiden, sondern auch um zu einer für Mensch und Natur gesunden Textilherstellung zu gelangen?

S. Schmidt: Wie komme ich also zu einem fairen Fashion-Konsum? Die Kampagne für saubere Kleidung hat dazu auf ihrer Internet-Seite einige Tipps veröffentlicht. Wenn Sie „Fair Fashion Guide” in eine Suchmaschine eingeben, finden Sie besonders Provokantes für den Fast-Fashion-Modemarkt unter dem Hashtag #REDUCE. Denn hier geht es zunächst darum, Überflüssiges und Fehlkäufe einer Shopping-Tour zu vermeiden. Da wird dem Konsum an sich erst einmal die Frage vorangestellt: „Brauche ich etwas Neues, brauche ich es wirklich?” Dann hangele ich mich weiter durch den Entscheidungsbaum mit der Frage: ”Brauchte ich dieses Kleidungsstück auch schon gestern?” Wenn ja, könnte ich es von jemandem ausborgen? Erst wenn ich diese Frage mit „nein” beantworten muss und letztlich gewillt bin, das zu erstehende Stück auch zu behaltenen, erst dann fällt die Kaufentscheidung positiv aus, ich erhalte „grünes Licht” für einen Kauf. Dass das „Objekt der Entscheidung” von möglichst nachhaltiger Qualität sein sollte, ist im Englischen mit „Buy Quality” sehr schön zusammengefasst.

miterago: Vielen Dank für das informative Gespräch und Ihnen und dem Label Xaxiraxi alles Gute für die Zukunft!

S. Schmidt: Danke auch meinerseits und dem Nachhaltigkeitsportal miterago viel Erfolg!